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Wie entsteht eigentlich Linkshändigkeit, und was ist an Linkshändern so besonders?

Schreiben, zeichnen, malen, werfen, fangen, zeigen oder winken Sie vorwiegend mit der linken Hand? Wenn ja, dann sind Sie etwas Besonderes, denn der Bevölkerungsanteil der Linkshänder wird mit 10-15 % angegeben. Abgesehen von der schlichten Tatsache dieser relativen Seltenheit darf man sich allerdings nicht mehr auf die eigene Linkshändigkeit einbilden. Die ungleiche Verteilung von Rechts- und Linkshändigkeit stellt anscheinend eine sehr stabile anthropologische Konstante dar, denn alle prähistorischen Steinwerkzeuge, Zeichnungen, historischen Gemälde und Schriften erzählen die gleiche Geschichte: von sehr vielen Rechtshändern und sehr wenigen Linkshändern. Doch was ist eigentlich der Grund für die Bevorzugung der einen oder der anderen Hand?

Die Ursache der Linkshändigkeit

Als wahrscheinliche Ursache für die Linkshändigkeit gilt die so genannte Lateralisation des Gehirns, also eine angeborene Dominanz der linken oder rechten Hirnhemisphäre. Wie diese Dominanz allerdings hervorgerufen wird und ob sie genetisch bedingt ist, gilt allerdings - überraschender Weise - bis heute als ungeklärt. Denn ein spezifisches Linkshänder-Gen ist bislang noch nicht entdeckt worden. Außerdem spricht die geringe Vererbbarkeit von Linkshändigkeit zumindest gegen eine einfache Form genetischer Generierung dieses Phänomens. Die Kinder linkshändiger Eltern sind nämlich mit genauso hoher Wahrscheinlichkeit Rechtshänder wie die Kinder rechtshändiger Eltern. Und es gibt darüber hinaus eineiige, also genetisch identische Zwillinge, von denen der eine Rechtshänder und der andere Linkshänder ist. Wird die (Links-)Händigkeit mithin von einem ganzen Ensemble unterschiedlicher Gene hervorgerufen, oder resultiert sie vielmehr aus embryonaler Prägung? Das ist nach wie vor ungeklärt! Manche Forscher meinen überdies, dass eigentlich nur zwei bis drei Prozent der Menschheit völlig auf eine der beiden Hände festgelegt sind, bei allen anderen handelt es sich demnach um keine hundertprozentigen Rechts- oder Linkshänder.


Lateralisation: Mythen und Legenden

Um die Linkshändigkeit ranken sich allerhand Geschichten, die von der Außergewöhnlichkeit und Vortrefflichkeit dieser besonderen Sorte Mensch erzählen. Linkshänder, so heißt es oft, seien intelligenter als Rechtshänder, Linkshänder seien anfälliger für bestimmte Krankheiten und hätten deshalb eine geringere Lebenserwartung als Rechtshänder, und Linkshänder seien kreativer als Rechtshänder. Keine von diesen Behauptungen trifft zu. Denn selbst dann, wenn für diese Thesen wissenschaftliche oder statistische Belege angeführt wurden, haben sich diese im Nachhinein als falsch und unzuverlässig erwiesen. Die Bevorzugung der linken Hand - Pardon, liebe Linkshänder - bedeutet kein Privileg und keine Auszeichnung: Linkshänder unterscheiden sich lediglich durch ihre Präferenz für die linke Hand von der überwiegenden Masse ihrer rechtshändigen Mitmenschen. Gegenteilige Behauptungen gehören ins Reich der Mythen und Legenden.


Das "böse" Händchen: Diskriminierung und Umerziehung von Linkshändern

Der Versuch, aus der Linkshändigkeit eine Privilegierung abzuleiten, ist ein eher modernes Phänomen, für das wahrscheinlich zahlreiche Linkshänder mitverantwortlich sind. Traditionell ist links in fast allen Kulturen jedoch eher negativ konnotiert, also gleichbedeutend mit schlecht. Diese Tatsache artikuliert sich hierzulande beispielsweise in Wortbildungen wie "linkisch" und Formulierungen wie: "Das ist ja eine ganz linke Tour." Der Grund für die Diskreditierung der linken Seite ist einfach und banal: Die meisten Menschen sind Rechtshänder, und die Mehrheit gewinnt immer und diktiert die Norm. Aus der Stigmatisierung der linken Hand resultiert die kulturelle Gepflogenheit, zur Begrüßung stets die rechte Hand zu reichen. In arabischen Kulturen gilt die linke Hand sogar als unrein, weil sie ehemals bei der Reinigung heikler Körperregionen nach dem Besuch stillerer Örtchen direkt zum Einsatz kam. Und im finsteren Mittelalter barg Linkshändigkeit sogar die Gefahr in sich, auf dem Scheiterhaufen zu enden. Infolge dieser historisch tradierten Stigmatisierung wurden Linkshänder noch bis in die 1970er Jahre auf die Benutzung der "guten" rechten Hand umerzogen, mit zum Teil schlimmen Folgen. Denn die gewaltsam Umerzogenen litten anschließend häufig unter psychischen Problemen, Sprachstörungen oder sogar Legasthenie und erbrachten schlechtere schulische Leistungen. Manche berichteten zudem von einer Art inneren Zerrissenheit, wenn sie die für sie falsche Hand für wichtige Tätigkeiten verwenden mussten. Auch bei einer Umerziehung werden Linkshänder übrigens nicht zu Rechtshändern, lediglich andere Hirnareale übernehmen die Steuerung des Bewegungsapparates.

Früherkennung von Rechts- und Linkshändigkeit

Wenn ein kleines Kind zum Beispiel beim Malen oder Zeichnen immer die linke Hand benutzt, dann lässt es sich schon sehr früh als Linkshänder identifizieren. Bei manchen Kindern fällt eine frühzeitige Diagnose allerdings schwer, da sie den Malstift immer mit der Hand führen, in die man ihnen den selben gegeben hat. In solchen Fällen kann ein speziell ausgebildeter Berater konsultiert werden, der anhand mehrerer kleiner Aufgaben - Zeigen auf einen Gegenstand, Fangen und Greifen von Gegenständen, Zähneputzen, Papier zerreißen, Einfädeln eines Fadens in eine Nadel usw. - die Händigkeit genau prüft. Eine solche Prüfung ist vor allem deshalb sinnvoll, weil so eine versehentliche Umerziehung vermieden werden kann. Ein relativ einfacher - jedoch nicht ganz sicherer und darum wissenschaftlich nicht anerkannter - Test besteht darin, dem Kind unerwartet einen Gegenstand zuzuwerfen. In den allermeisten Fällen wird dieser Gegenstand nämlich reflexhaft mit der "richtigen" Hand gefangen. Dies verhält sich selbst bei umerzogenen Linkshändern so, denn Reflexe sind nicht vom Verstand oder Erlerntem zu beeinflussen.


Alltagsprobleme von Linkshändern

Die meisten Linkshänder berichten, dass ihre Händigkeit auf die meisten Aufgaben des Alltags keinen Einfluss hat. Dennoch gibt es Situationen, in denen die Ausrichtung auf die deutlich häufiger vorkommende und daher als normal angesehene Rechtshändigkeit zu Schwierigkeiten führen kann. Dies gilt besonders für das Schreiben mit der linken Hand. Denn da von links nach rechts geschrieben wird, müssen Linkshänder darauf achten, das zuvor Geschriebene nicht mit der Schreibhand zu verwischen. Ebenfalls aufgrund der Schreibrichtung können Rechtshänder die Stiftspitze vorwiegend über das Papier ziehen, wohingegen Linkshänder die Stiftspitze schieben müssen. Außerdem ist unsere Schreibschrift hinsichtlich der Drehung und Formung der Buchstaben eindeutig für Rechtshänder konzipiert. Zudem sind die Klassenzimmer in den Schulen meistens so ausgerichtet, dass die Fenster von der Schülerseite aus links sind. Somit wird das Schreiben für Rechtshänder nicht durch einen störenden Schatten behindert - für Linkshänder schon. Dem Umstand, dass manche Werkzeuge, Musikinstrumente und Sportgeräte Linkshändern nicht gerade entgegenkommen, wirkt die Industrie seit geraumer Zeit durch die Produktion spezieller Linkshänderversionen dieser Gegenstände entgegen.

Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel.
    Aber: es ist bewiesen das ein überdurchschnittlich großer Teil von Linkshändern
    hochintelligent ist, allerdings auch bei den Leuten ganz unten

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