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Was ist ein Erlkönig?

Bezogen auf Autos sind Erlkönige Prototypen, die sowohl von außen als auch von innen noch keiner sehen darf. Denn wüssten die Kaufwilligen, dass es ein neues Modell eines ihrer Favoriten gibt und welche Ausstattungsmerkmale es hat, würden sie das alte nicht mehr kaufen. Sie warten, bis der neu entworfene Wagen auf dem Markt ist und die Hersteller bleiben auf ihren Vorgängermodellen und den Kosten dafür sitzen.
Aus diesem Grund sind die Prototypen gut getarnt, beispielsweise mit einer Kunststoffverkleidung. Je näher die Marktreife rückt, desto weniger bleibt noch verborgen. Die Testfahrer fahren mit den Modellen dann auf Teststrecken oder auf normalen Straßen, immer auf der Flucht vor Erlkönig-Jägern: Fotografen, die wild darauf sind, ihre Bilder des Geheimen veröffentlicht zu bekommen.

Und woher kommt der poetische Name Erlkönig, der an Goethes gleichnamiges Gedicht erinnert? Denn in anderen Ländern sind Begriffe wie „spy shot“ (Großbritannien) oder „photo espion“ (Frankreich) üblich. Nun, der erste Erlkönig war der Mercedes 180. Ein Amateur-Fotograf hatte dessen Prototyp abgelichtet und die Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“ veröffentlichte den Schnappschuss am 19. Juli 1952. Die beiden damaligen Redakteure Heinz-Ulrich Wieselmann und Werner Oswald überlegten hin und her, ob und wie sie Bilder von Prototypen überhaupt veröffentlichen könnten. „Chefredakteur Wieselmann kam schließlich auf die Idee“, so erinnerte sich Werner Oswald 1986, „durch liebenswürdige Begleittexte den betroffenen Industriefirmen die bittere Pille ein wenig zu versüßen. In diesem Sinn reimte er eines schönen Sonntags für die ersten paar Bilder je ein kleines Achtzeilen-Gedicht im Stil des Erlkönig-Poems. Die legte er mir Montagfrüh auf den Tisch mit dem Auftrag, hieraus für die nächsten Hefte eine Folge vorzubereiten und diese mit einer gleich bleibenden Überschrift zu versehen. Nach kurzer Überlegung meinte ich: ‚Schreiben wir doch einfach ‚Erlkönig’ drüber!’“

Über den ersten Erlkönig, den Mercedes 180, reimte „Auto, Motor und Sport“:
Erlkönig
1. Folge

Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?
Ist es ein Straßenkreuzer von drüben,
der nur im Umfang zurückgeblieben
oder gar Daimlers jüngstes Kind?
Der stille Betrachter wär’ gar nicht verwundert,
wenn jenes durchgreifend neue Modell,
das selbst dem Fotografen zu schnell,
nichts anderes wär’ als der Sohn vom ’Dreihundert’.

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