Geruchssinn, Geruch und Co.: Alles über das Riechen

Der Geruch ist eine weitgehend tabuisierte Sinneswahrnehmung: Besser, man verbreitet selbst keinen Geruch und nimmt auch keinen wahr. Zumindest spricht man nicht darüber, vor allem nicht über einen unangenehmen Geruch, und schon gar nicht über die, die die menschlichen Körper verströmen. Tiere können ohnehin meistens besser riechen als wir: Der Schäferhund verfügt über 22-mal so viele Riechzellen wie sein zweibeiniger Besitzer, er kann spielend Haschisch durch versiegelte Behälter erschnüffeln. Wir Menschen dagegen sind Riechzwerge.

Der Geruchssinn: Ein Unikum unter unseren fünf Sinnen
Damit etwas ruchbar wird, muss es Moleküle in die Luft abgeben und wasserlöslich sein, so dass sich die Moleküle in dem Schleim über dem Riechepithel lösen können. Auf den Härchen, die jede Riechzelle in diesen Schleim steckt, befinden sich Proteinmoleküle, die bestimmte fremde Moleküle an sich binden: die Rezeptoren. Haben sich Moleküle angelagert, so entstehen in der Rezeptorzelle elektrische Ladungen, die in einem unbekannten Code direkt ins limbische System unseres Gehirns weitergegeben werden. Somit ist der Geruchssinn unter unseren Sinnen ein Unikum: Die über 100 Millionen Zellen der Riechschleimhaut, die bei jedem Atemzug die chemischen Botschaften in der Luft entschlüsseln, sind ohne jede Relaisstation mit dem Gehirn verbunden. Es sind echte Gehirn-Neuronen, die mit ihren Sendefortsätzen durch eine dünne Knochenschicht hindurch unmittelbar in die beiden zum limbischen System gehörenden Riechkolben reichen. Das Riechepithel ist die einzige Stelle, wo das Zentralnervensystem freiliegt und in direkten Kontakt mit der Außenwelt tritt. Gerüche gehen also direkt und relativ ungefiltert durch.

Gerüche: Undifferenzierte Schwarz-Weiß-Malerei!
Gerüche lassen uns nicht gleichgültig, sie werden entweder als angenehm oder als unangenehm empfunden. Zwischen diesen Extrembeurteilungen gibt es kaum Differenzierungen, allenfalls bestimmte Essige oder manche Arten von Rauch werden von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet. Auch manche Parfums polarisieren, wenngleich die weniger favorisierten nicht eigentlich als Gestank wahrgenommen werden. Geruch kennt dementsprechend weder Humor noch Ironie: Man kann unmöglich ironisch duften, und wenn man zu jemandem sagen würde, "Du riechst aber witzig", würde dies wohl kaum als Kompliment registriert werden. Die angenehmen Gerüche bewirken mithin, dass wir uns an einem bestimmten Ort gerne aufhalten (zum Beispiel in einer Bäckerei, wo es nach frischem Brot duftet, oder in einer Kaffeerösterei), die unangenehmen vertreiben uns. Denn anders als durch Absenz können wir uns den Gerüchen ja auch nicht entziehen. Augen lassen sich schließen, die Ohren kann man zuhalten oder verstopfen, die heiße Kartoffel kann man fallen lassen, aber der Gestank lässt sich nicht aussperren. Denn schließlich muss man ja atmen, und mit jedem Atemzug, sechs- bis zwölfmal pro Minute, beim neugierigen Schnüffeln noch weitaus öfter, dringen die unangenehmen Geruchsmolekühle wieder in die Nase ein.

Angenehme und unangenehme Gerüche: Duft oder Gestank!
Es gibt Untersuchungen, zum Beispiel diejenige der Max-Planck-Forschungsstelle Humanethologie, die herausgefunden haben, welche Gerüche als besonders köstlich oder gar widerwärtig empfunden werden. Den Deutschen, so stellte sich dabei heraus, behagen vor allem Gerüche aus der Natur: Wald und Holz, Blumen, Wasser, Luft, Erde, Gras und Heu. Die folgenden Plätze der Geruchshitparade belegen Essensgerüche: Obst, Brot, Kuchen, Fisch und Fleisch auf dem Grill, Kaffee und Tee. Als durchaus wohlriechend werden ferner die meisten Toiletten-, Wasch- und Körperpflegemittel empfunden, wie auch der Geruch lieber, nahestehender Personen. Kleinkinder schneiden dabei eindeutig am besten ab. Als ausgesprochen widerwärtig und oft sogar Brechreiz erregend empfinden fast alle die Gerüche von fäkalischen Körperausscheidungen, Abgasen und Qualm, von Chemikalien, verrottetem Fleisch, faulenden Eiern und angebrannten Speisen. Hierbei handelt es sich wohl nicht zufällig um Substanzen, deren Genuss ungesund und schädlich ist. Geruchsabneigungen dienen also auch dem Selbstschutz. Japaner, an denen ähnliche Geruchsstudien durchgeführt wurden, ähneln uns in ihrem Geruchsempfinden übrigens sehr. Sie unterscheiden sich von den Deutschen allein dadurch, dass sie nicht Wald-, sondern explizit Blumendüfte an die Spitze der Wohlgerüche stellen und Körpergerüche noch unangenehmer empfinden.

Ein Problem: Über Gerüche sprechen
Über Gerüche, das hat bestimmt jeder schon einmal erfahren, lässt sich nur schwer sprechen. Deshalb benennen wir einen Geruch meistens nach seiner identifizierbaren Quelle: Eine Rose verbreitet Rosenduft. Neue Gerüche vergleichen wir gerne mit gewohnten, wir sagen zu Beispiel, dass ein After Shave nach Leder riecht oder nach Holz. Ein weiterer sprachlicher Behelf besteht darin, einen Geruch durch seine Wirkung zu klassifizieren: Etwas riecht narkotisierend oder erotisierend. Oder wir greifen schließlich zu metaphorischen Umschreibungen, die aus dem Bereich anderer Sinneswahrnehmungen stammen, dann nennen wir einen Geruch süß, schwül, frisch oder gar grün. Woran aber liegt diese merkwürdige Sprachnot? Erstens sind Gerüche flüchtig, sie kommen und gehen, und wenn sie gegangen sind, können wir sie uns, anders als ein Bild oder einen Klang, nur noch sehr schwer vorstellen. Zweitens erleben wir Gerüche immer als Ganzheiten, die weder eine Ausdehnung wie Bilder noch einen Verlauf wie Klänge haben, so dass wir sie weder räumlich noch zeitlich zerlegen können. Deshalb riechen selbst erfahrene Parfümeure die Bestandteile von Gerüchen nur sehr schwer heraus. Dass wir also einerseits Gerüche in der Vorstellung kaum aufrufen können, dass wir sie andererseits als ganzes erleben und nur mit Mühe zerlegen können - das wohl verhindert die Begriffsbildung, und wo Begriffe fehlen, gibt es keine Sprache.

Geruch und Miteinander: "Den kann ich einfach nicht riechen!"
Wir riechen, obwohl wir uns selbst nicht mehr riechen können, da unsere Nase den eigenen Körpergeruch so gewöhnlich findet, dass sie ihn einfach ignoriert. Gerüche nutzen sich nämlich ab, ist man ihnen ständig ausgesetzt, nimmt man sie kaum oder gar nicht mehr wahr. Andere riechen uns (und unsere Gerüche) aber sehr wohl, genauso wie wir die anderen riechen. Das kann angenehm oder unangenehm sein. Es kommt auch darauf an, was wir nahrungstechnisch so zu uns nehmen, ob wir beispielsweise Knoblauch in rauen Mengen verputzen. Europäer werden von Ostasiaten, die weniger Milchprodukte verspeisen als wir, deshalb gerne als "Butterstinker" gebrandmarkt. Aber dieser durch die Nahrungsaufnahme bedingte Geruch kann den spezifisch persönlichen nicht überdecken. Wir besitzen nämlich alle einen individuellen, einzigartigen Geruch, der nur bei eineiigen Zwillingen identisch ist. Deshalb vermutet man innerhalb der Forschung, dass dieser Eigengeruch genetisch bedingt ist. Außerdem regelt dieser Geruch unseres Körpers, so die daraus abzuleitende These, auch unsere Partnerwahl. Wer genetisch zu uns passt, den können wir gut riechen, andere weisen wir als Stinker weit von uns. Ob es sich aber tatsächlich so verhält ist umstritten. Denn andere Meinungen gehen eher dahin, dass wir genau die gut riechen können, die wir schon vorher ins Herz geschlossen haben.

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