Phobien: Wovor kann man Angst haben?

Angst ist etwas sehr Hinderliches, da sie einen erstarren lässt und zur Passivität verdammt. Insofern nervt Angst. Auf der anderen Seite ist die Angst aber auch etwas durchaus Notwendiges und Gesundes, da sie einen daran hindert, verrückte, gewagte Dinge zu tun, mit denen man womöglich die eigene Gesundheit aufs Spiel setzt: Zum Beispiel im zwölften Stockwerk mal eben über ein schmales Balkongeländer zu balancieren. Angst kann aber natürlich auch pathologische Formen annehmen, also zur Krankheit werden. In diesem Fall spricht man von Angststörungen. Angststörungen, die übrigens zu den weit verbreiteten Volkskrankheiten gehören, liegen vor, wenn die Angstreaktion gegenüber der Bedrohungsquelle vollkommen unangemessen erscheint und darüber hinaus zu schwerwiegenden körperlichen Symptomen führt: Schwindel, Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche, Atembeschwerden, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden.

Richtet sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt, eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Ort, dann ist von einer spezifischen Phobie zu sprechen. Phobien sind ebenfalls weit verbreitet, das heißt, fast jeder von uns hat eine. Deshalb, wie überhaupt, sollte man sich seiner Schwäche nicht schämen. Überdies lassen sich Phobien therapeutisch sehr erfolgreich bekämpfen.

Phobien: Ein weites Feld
Die Vielfalt der Phobien verdeutlicht, dass Angst eben auch etwas sehr Persönliches und Individuelles sein kann: Was dem einen Panik einflößt, lässt die andere oft ziemlich kalt. Neben Phobien, die häufig auftreten und deshalb geradezu als klassische Phobien einzuordnen sind, gibt es solche, deren Stimulus denen, die nicht darunter leiden, durchaus merkwürdig, exotisch oder sogar lächerlich vorkommen mag. Als lächerlich oder lustig empfinden die Betroffenen ihre Phobien freilich weniger. Die Liste der möglichen Phobien ist lang. Sie enthält auch Phobien, die lediglich als solche bezeichnet werden und oft populärwissenschaftlichen Quellen oder der Unterhaltungsliteratur entspringen. Das heißt, nicht jede Phobie, für die es einen wissenschaftlich klingenden Namen gibt, ist auch wissenschaftlich anerkannt. Zu diesen nicht anerkannten oder zumindest innerhalb einer wissenschaftlichen Grauzone angesiedelten Phobien zählen beispielsweise die Alliumphobie (Angst vor Knoblauch), die Anthophobie (Angst vor Blumen), die Arithmophobie (Angst vor Zahlen) oder auch die Asymmetriphobie (Angst vor asymmetrischen Dingen). Die bekanntesten Phobien finden Sie hier.

Akrophobie
Die Akrophobie (Höhenangst) zählt zu den verbreitetesten. Höhenangst geht über den ganz normalen Höhenschwindel hinaus und kann auch schon in relativ geringer Höhe auftreten, zum Beispiel wenn die oder der davon Betroffene auf einen Stuhl oder eine Trittleiter steigt. Sie steigert sich freilich in größerer Höhe, auf Türmen, Hochhäusern, Brücken oder an Abgründen (die Angst vor Abgründen wird auch Cremnophobie genannt). In tiefenpsychologischen Konzepten wird Höhenangst mit der Angst vor dem "Sich-Fallenlassen" verbunden. Es gibt Menschen, bei denen die Akrophobie nur im Freien auftritt, nicht wenn sie etwa hinter einer Glasscheibe stehen. Psychische Symptome der Akrophobie sind neben der eigentlichen Angstreaktion etwa Depersonalisation, intensive Vorstellungen, aus Versehen in die Tiefe zu stürzen oder dies unter einem Kontrollverlust bewusst zu tun (Tiefensog). Der Akrophobie kann medikamentös oder mit verschiedenen Entspannungstechniken entgegengewirkt werden.

Aviophobie
Die Aviophobie oder Flugangst tritt sowohl bei Personen auf, die noch nie geflogen sind (Angst vor dem ersten Mal) als auch bei solchen, die bereits Flüge absolviert haben, zuweilen sogar nach vielen angstfreien Flügen. Die davon Betroffenen plagt neben dem Gefühl des Ausgeliefertseins vor allem die Furcht vor Turbulenzen, vor der Höhe, dem unsichtbaren Medium Luft (Haltlosigkeit), Terroranschlägen und einem Absturz. Die Aviophobie, gegen die viele Fluggesellschaften bereits sehr effektive Therapiekurse entwickelt haben, ist unter anderem eng verwandt mit der Klaustrophobie.

Klaustrophobie
Die Klaustrophobie oder Raumangst (Angst vor engen Räumen) geht einher mit der Angst vor dem Ersticken und der Angst vor Einengung. In entsprechenden Situationen (zum Beispiel in Aufzügen, Bussen, Bahnen, Kaufhäusern, bei MRT-Untersuchungen oder generell bei Menschenansammlungen) kommt es bei Betroffenen zu Hyperventilation und Schweißausbrüchen. Der psychodynamische Hintergrund klaustrophober Ängste liegt oft in der Hemmung expansiver und defensiver Verhaltensmuster bei den Betroffenen. So grenzen sie sich in zwischenmenschlichen Beziehungen zu wenig ab und die resultierende Angst vor Vereinnahmung, Beengtwerden und Ersticken wird auf symbolische Situationen verschoben. Eng verwandt mit der Klaustrophobie sind die Cleisiophobie (Angst vor geschlossenen Räumen), die Cleithrophobie (Angst davor, eingesperrt zu sein) und die Stenophobie (Angst vor Enge, engen Plätzen). Umgangssprachlich wird Klaustrophobie meist fälschlicherweise als Platzangst bezeichnet. Damit wird ausgedrückt, dass man in der gegebenen Situation zu wenig Platz hat. Als Fachbegriff wird mit Platzangst allerdings die Agoraphobie bezeichnet.

Arachnophobie
"Pfui Spinne" ist eine geläufige Redewendung, denn Spinnen zählen die meisten Menschen nicht gerade zu ihren Lieblingstieren. Manche allerdings brechen beim Anblick der langbeinigen Krabbler geradezu in Panik aus, sie leiden unter Arachnophobie, der wohl verbreitetesten Form der Tierphobien. Warum gerade Spinnen so verabscheut und gefürchtet werden, obwohl in unseren Breiten keine wirklich gefährlichen Arten vorkommen, ist nicht ganz klar. Liegt es an dem Umstand, dass sie sich so schnell fortbewegen und dabei auch über den menschlichen Körper krabbeln können, oder ist die Spinnenangst ein Produkt unserer kulturellen Sozialisation, also ein erlerntes Verhalten? Als Therapie gegen eine die Lebensqualität beeinträchtigende Arachnophobie hat sich, wie bei vielen Phobien, vor allem die Verhaltenstherapie bewährt. An erster Stelle stehen Formen der Konfrontationstherapie. Dabei wird der Patient direkt mit seiner Angst und dem angstbesetzten Objekt, also der Spinne, konfrontiert. Er setzt sich dabei mit der Spinne unmittelbar auseinander, was bis hin zur Berührung von Vogelspinnen oder Tieren ähnlicher Größe geht. Wichtig dabei ist das Durchhalten, also das Durchleben der Angstsituation, etwa um danach feststellen zu können: so schlimm war es doch gar nicht. Durch ein Ausweichen kann die Phobie allerdings noch verstärkt werden.

Testophobie
Die Testophobie (Prüfungsangst) ist eine Spezialform der Sozialen Phobie. Menschen mit Sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und deshalb auf Ablehnung stoßen zu können. Sie fürchten darüber hinaus, dass ihnen ihre Nervosität oder Angst angesehen werden könnte, was ihre Angst oftmals noch weiter verstärkt. Die Angst vor der Bewertung durch andere intensiviert sich natürlich in ausgewiesenen Prüfungssituationen. Testophobie muss aber nicht zwangsläufig zum Prüfungsversagen führen, sondern kann auch das Gegenteil bewirken, da sich Prüfungsängstliche oftmals besonders gründlich auf Testsituationen vorbereiten. Allein in diesem speziellen Sonderfall könnte man also sagen: Ein wenig Phobie schadet nie.

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